Hallo zusammen,

ich hoffe, es geht euch allen gut? Ich befinde mich mittlerweile in Medellín in Kolumbien und möchte euch gern von einem für mich sehr außergewöhnlichem Erlebnis erzählen. Nachdem wir nach fünf Tagen mit dem Segelboot Cartagena in Kolumbien erreicht hatten, sind wir kurze Zeit später weiter nach Santa Marta gezogen, denn dort ist einer der Startpunkte zum Lost City Trek, einer Wanderung zur Ciudad Perdida, der verlorenen Stadt.

Man kann die Wanderung über verschiedene Agenturen buchen, sie kostet überall 950.000 COP (das entspricht in etwa 280 €) und man kann wählen, ob man die Wanderung in vier oder fünf Tage machen will. Wir haben über Magic Tour gebucht und uns für die vier Tages-Variante entschieden. Inkludiert sind Guides, Übersetzer, drei Übernachtungen in den Camps, drei Mahlzeiten am Tag sowie gefiltertes Wasser und Früchte an den Checkpoints.

Am ersten Tag treffen sich alle um 9 Uhr in der Agency und warten zusammen ungefähr eine Stunde bis die Gruppen aufgeteilt wurden und die Fahrzeuge bereit stehen, um uns zum Startpunkt Machete Pelao zu bringen. Machete Pelao ist ein kleiner Ort auf 140 m über dem Meeresspiegel und gleichzeitig der Ausgangspunkt für unsere Wanderung. Wir haben ein deftiges Mittagessen, nach dem wir von unseren Guides und Übersetzern begrüßt werden. Anschließend wird die komplette Wanderung erläutert. Wir werden insgesamt 46,6 km laufen und währenddessen über 1000 Höhenmeter zur Lost City überwinden.

Die Wanderung zum ersten Camp dauert etwa vier Stunden, wir legen dabei 7,6 km zurück. Es ist heiß, es ist feucht, wir schwitzen schon nach den ersten Metern. Der Schweiß rinnt uns allen in Strömen von unseren Gesichtern und tropft auf den ausgetrockneten Boden. Der Boden ist erst sandig, dann weiß, er reflektiert die gleißende Sonne des Nachmittags und blendet uns. Später ändert sich die Farbe des Weges in tonartiges Rot. Auf dem Weg verkaufen immer wieder Leute Wasser oder frisch gepressten Orangensaft, eine willkommene Erfrischung auf dem anstrengenden Weg.

Mulas auf dem Weg, sie transportieren unser Essen, Müll und manchmal auch Menschen, die den Rückweg nicht aus eigener Kraft schaffen

Unsere Gruppe besteht aus insgesamt 23 Teilnehmern, zwei Übersetzern, zwei Guides und drei Köchen. Wir alle tragen einen Rucksack und mindestens eine Flasche Wasser. Bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius und streckenweise keinem Schatten wird jedes Gramm zu viel zur Tortur. Zwei Mal muss ich die Hilfe der Guides annehmen, die meinen Rucksack ein Stück tragen. Es ist schwer genug, mein eigenes Gewicht die Steigungen hinauf zu schleppen. Da mein linker Knöchel immer noch etwas geschwollen ist, laufe ich besonders vorsichtig und achte auf jeden Schritt, ich bin höchstkonzentriert und traue mich kaum, mich auch mal umzuschauen. Zu schade, denn der Ausblick ist atemberaubend.

Sierra Nevada de Santa Marta

Am späten Nachmittag kommen wir im Camp an. Wir werden in Stockbetten mit Moskitonetzen dicht nebeneinander schlafen. Nahe zum Camp gibt es einen Naturpool. Ich gehe zwar hin, aber nicht baden, da ich mich noch unsicher mit dem Knöchel fühle. Nach einer erfrischenden Dusche in den rudimentären Sanitäranlagen gibt es Abendessen, wir sind alle ziemlich müde. Trotzallem lässt es sich unser Guide Marron nicht nehmen, uns über die Geschichte der campesinos und guerillas sowie dem Anbau von Coca und der Herstellung von Cocain aufzuklären. Cocain besteht übrigens zum Großteil aus Kerosin und Chemikalien, also Finger weg von Drogen, Kinder, mkay? 😀 Wir fallen alle todmüde ins Bett, am nächsten Morgen müssen wir schon um 5 Uhr raus.

Am zweiten Tag laufen wir fast 15 km und über sieben Stunden. Nach einem deftigen Frühstück geht es dreieinhalb Stunden zum nächsten Camp. In der Nähe ist ein Wasserfall, der zur Erfrischung einlädt. Im Camp gibt es ein frühes Mittagessen, einige Zeit zum Ausruhen bevor wir weiterziehen zum letzten Camp vor der verlorenen Stadt. Da das Hauptcamp gnadenlos überbucht ist, weichen wir auf ein anderes Camp auf, in dem es allerdings nur Hängematten gibt.

Heute noch mit Brücke, morgen dann zu Fuß

Während sich die anderen Teilnehmer im Fluss erfrischen, laufen ich und meine Begleitung schon los, denn nachdem wir den Fluss über die Brücke überquert haben, wird es insgesamt eine Stunde steil bergauf gehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit und zehn Litern Schweiß erreichen wir den Checkpoint und werden mit frischer Ananas und Orangenschnitzen belohnt. Am Checkpoint halten sich unheimlich viele sehr junge Militärs auf. Auf Nachfrage, was sie da beschützen, sagt einer der Soldaten: „Wir beschützen dich!“ und zwinkert mir zu. Und tatsächlich ist das die Wahrheit, denn um Kidnapping vorzubeugen werden alle Touristen von Soldaten beschützt. Auf dem Weg und auch in der verlorenen Stadt selbst werden uns noch viele begegnen.

Am Abend kommen wir alle völlig erschöpft im letzten Camp vor der verlorenen Stadt an. Unsere Füße fühlen sich wie Gulasch an und haben diverse Blasen. Alle wollen nur eins: in die Hängematten steigen. Diese sind allerdings nach oben gebunden, wir dürfen erst rein, nachdem wir sauber und satt sind. Nach einem reichhaltigem Abendessen begeben wir uns in unsere schaukelnden Betten, wir hören den nahen Fluss rauschen, einige Kerzen erhellen das Camp. Es ist ein witziges Gefühl in der Hängematte zu schlafen, da wir alle sehr nah beieinander hängen. Dreht sich einer in der Hängematte um, stößt er die anderen automatisch an, wie ein Kugelstoßpendel aus Hängematten 😀

Hängemattencamp, feuchte Wäsche wird leider nicht trocken

Nach einer durchwachsenen Nacht ist es dann endlich soweit, wir stehen wieder 5 Uhr morgens – unser Übersetzer weckt uns übrigens, indem er „Get up, stand up“ singt – auf, haben Frühstück und setzen uns in Bewegung zur verlorenen Stadt.  Heute sind wir ohne Rucksäcke unterwegs, nur Wasser und Kamera werden benötigt. Vom Camp geht es erstmal barfuß durch einen Fluss, den wir später sogar nochmals überqueren müssen. Wir müssen bis zur Stadt ganze 400 Höhenmeter bewältigen.

Indigenes Dorf auf dem Weg

Der Weg führt auf schmalen Wegen am Fluß entlang, ein falscher Schritt und man stürzt mehrere Meter tief in den Fluss und steht danach vermutlich nicht mehr auf. In Deutschland undenkbar, in Kolumbien eine touristische Massenattraktion. Nach einiger Zeit erreichen wir eine Treppe, DIE Treppe. Sie wird uns 1200 schmale und extrem steile Stufen hinauf zur verlorenen Stadt führen. Sie erinnert mich an die Treppe nach Mordor, aber seht selbst.

Die Treppe nach Mordor.. ähm Teyuna

Eine Stunde lang, ich vermutlich ein wenig länger, schleppen wir uns die Treppe hinauf, alle höchstkonzentriert, denn ein falscher Schritt und man fällt ziemlich tief, bricht sich alle Knochen und stirbt. Während ich innerlich fluchend die Stufen sehr langsam erklimme, denke ich nur immer wieder daran, wie zum Teufel ich hier lebend wieder runterkommen soll.

Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich als letzte oben an und die anderen begrüßen mich mit einem Applaus, der mir erst ein wenig unangenehm ist. Ich bin so unfassbar froh, dass ich endlich oben angekommen bin und ich bin zudem stolz auf mich, denn ihr wisst, Sport und so.. ist nicht meins.

erste Eindrücke, kolumbianischer Dschungel
beeindruckender Ausblick auf die Sierra Nevada de Santa Marta

Unser Guide führt uns herum und klärt uns über die Stadt Teyuna auf. Die Stadt wurde zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert errichtet und ist damit fast 9000 Jahre alt (und älter als Machu Picchu). Zu besten Zeiten haben dort über 2000 Menschen gewohnt. Heute sieht man nur noch die kreisförmigen Terrassen.

Stolz wie Bolle, ich habs geschafft!
Und als wären es nicht genug Stufen gewesen, kommt natürlich noch eine Treppe..

Nach der zweistündigen Führung bekommen wir Saft und Kuchen zur Stärkung und treten dann den Rückweg an, denn am Nachmittag müssen wir noch zum vorherigen Camp wandern. Auf dem Weg zur Treppe des Todes fragt meine Reisebegleitung, ob auf dem Weg jemals jemand gestorben sei. ich rufe ihm zu, die Frage bitte nicht zu beantworten. Aber er sagt: „Gestorben? Nein, gestorben ist noch niemand!“ Beruhigt mich das jetzt? Fast tot ist ja immerhin auch nicht gestorben. Ich habe großen Respekt vor der steilen Treppe und wiederhole die ganze Zeit wie ein Mantra „Nicht stolpern. Nicht stolpern.“, denn sonst würde ich wirklich einfach viele Meter fallen und sterben. Einmal bleibe ich mit meinem Schuh an einer Ecke einer Stufe hängen. Sofort schießt das Adrenalin ein, aber ich habe sofort mein Gleichgewicht wieder.

Zurück im Camp gibt es Mittagessen, wir packen unsere sieben Sachen zusammen und treten den Rückweg zum vorherigen Camp an. Es stellt sich ein gutes Gefühl ein, denn jeder Schritt, den wir jetzt machen werden, machen wir nur einmal und müssen ihn – so Gott will – nie wieder wiederholen. NIE WIEDER! 😀

Nicht sexy, aber die Realität. Ich tropfe.

Im Camp angekommen suchen wir uns ein Stockbett aus, duschen und warten sehnlichst auf das Abendessen. Als wir vollgefuttert und selig alle nur noch ins Bett fallen wollen, ruft uns unser Übersetzer zu einem Meeting zusammen, denn die Guides wollen uns über die indigenen Völker und deren Gebräuche informieren. Nach einer weiteren Stunden ist es geschafft, endlich ins Bett.

Stockbetten im letzten Camp

Nachdem heute Morgen zum letzten Mal der Wecker um 5 Uhr „get up, stand up“ trällert, marschieren wir wie gewohnt nach dem Frühstück los. Es geht wieder endlos bergauf und ich muss mir wieder helfen lassen, bis irgendwann nach einer Stunde die Steigungen geschafft sind und von hier geht es nur noch gerade oder ein wenig bergauf. Das letzte Stück zieht sich Ewigkeiten dahin. Aber kurz vor 12 Uhr habe ich es geschafft, ich bin zurück am Ausgangspunkt – dem Ort Machete Pelao – zurück auf 140 m über dem Meeresspiegel und unser Guide erwartet uns mit einem kühlen Bier, zu dem ich auf keinen Fall nein sage! Schuhe aus, was für eine Erleichterung. Ich möchte nie wieder Schuhe anziehen.

Übersicht des Weges

Nach kurzem Uhrenvergleich mit den anderen stellt sich heraus, dass wir insgesamt nicht nur 46,6 km, sondern etwa 60 km gelaufen sind. Denn wir sind nie direkt bergauf/-ab gelaufen, sondern teilweise kreuz und quer und sind auch an und in den Camps herumgelaufen. 60 km in 4 Tagen, so fühle ich mich allerdings auch. Ich will mich jetzt erstmal für die nächsten drei Wochen nicht mehr bewegen (Spoileralarm: hat nicht geklappt -.- )

Was soll ich sagen? Was für ein Höllenritt! Wie unglaublich anstrengend für mich! Nicht selten habe ich daran gedacht, ob es nicht vielleicht doch schlauer wäre, für den Rückweg ein Muli zu engagieren. Aber ich habe es nicht gebraucht, ich habe es allein geschafft, mit der Hilfe der Guides, die mir ab und an meinen Rucksack abnahmen. Ich bin am Leben und sehr stolz. 60 km und 2000 Höhenmeter in vier Tagen. Das kann mir keiner nehmen.

Und jetzt die Profi-Hiker unter euch: hättet ihr das mit links geschafft? Wer hat schon mal eine mehrtägige Wanderung gemacht? Wer macht sowas freiwillig? Ich mach das ganz bestimmt nicht wieder 😛

Liebste Grüße aus Kolumbien

Eure Stef

2 Kommentare

  1. WAHNSINN!! Hut ab vor deiner Leistung!! Sowas habe ich mich bisher noch nicht getraut, aber will ich auch unbedingt mal ausprobieren. Du bist meine Inspiration und Motivation!! 🙂

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